Dienstag, 9. Februar 2010

Vom dummen Hänschen oder: Die Unerbittlichkeit bürgerlicher Berufsverpflichtung

Ein Gedicht von Rudolph Löwenstein (18191891):

Die traurige Geschichte vom dummen Hänschen

Hänschen will ein Tischler werden,
ist zu schwer der Hobel;
Schornsteinfeger will er werden,
doch ihm scheint's nicht nobel;
Hänschen will ein Bergmann werden,
mag sich doch nicht bücken;
Hänschen will ein Müller werden,
doch die Säcke drücken;
Hänschen will ein Weber werden,
doch das Garn zerreißt er:
immer, wenn er kaum begonnen,
jagt ihn fort der Meister.
Hänschen, Hänschen, denke dran,
was aus dir noch werden kann!

Hänschen will ein Schlosser werden,
sind zu heiß die Kohlen;
Hänschen will ein Schuster werden,
sind zu hart die Sohlen;
Hänschen will ein Schneider werden,
doch die Nadeln stechen;
Hänschen will ein Glaser werden,
doch die Scheiben brechen;
Hänschen will Buchbinder werden,
riecht so sehr der Kleister;
immer, wenn er kaum begonnen,
jagt ihn fort der Meister.
Hänschen, Hänschen, denke dran,
was aus dir noch werden kann!

Hänschen hat noch viel begonnen,
brachte nichts zu Ende;
drüber ist die Zeit verronnen,
schwach sind seine Hände;
Hänschen ist nun Hans geworden,
und er sitzt voll Sorgen,
hungert, bettelt, weint und klaget,
abends und am Morgen:
"Ach, warum nicht war ich Dummer
in der Jugend fleißig?
Was ich immer auch beginne,
dummer Hans nur heiß' ich.
Ach, nun glaub' ich selbst daran,
daß aus mir nichts werden kann!"


Zit. n.:
Vaterländisches Lesebuch für die mehrklassige evangelische Volksschule Norddeutschlands. Hg. v. H. Keck u. Chr. Johansen. 16., verb. Aufl., Halle/Saale : Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses 1902, S. 46f.
Das Gedicht erschien zuerst (?) in Löwensteins Gedichtsammlung "Kindergarten", Berlin 1846, siehe hier.
 

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